Beatrice Eichmann-Leutenegger

Frau Beatrice Eichmann-Leutenegger erhält den Gastpreis für ihr Schaffen als Literaturkritikerin, als Vermittlerin zwischen dem literarischen Werk und seinen Lesern undLeserinnen, und zwar aus Anlass der 1993 erschienenen Bild-Biographie zu Leben undWerk der deutsch-jüdischen Lyrikerin Gertrud Kolmar (1894-1943). ln bemerkenswerter Recherchierarbeit hat Beatrice Eichmann-Leutenegger Bilder und Dokumente zu Gertrud Kotmars Sozialisation im privaten Kreis der Familie wie im jüdischen Milieu desBerliner Bürgertums zusammengetragen. Im Wandel der persönlichen Lebensverhältnisse Gertrud Kotmars spiegelt sich exemplarisch der Uebergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik bis hm zur Bedrohung durch den aufziehendenFaschismus. Ganz im Sinne der modernen Historiographie kann dieses Werk als fesselnde Quellensammlung gelesen werden, als Lehrstück für die Verbindung von Mikrohistorieund Makrohistorie. Das zurückgezogene Leben Gertrud Kotmars im Kreisder Familie erscheint ambivalent: einerseits als Schutzraum für ein harmonisches Lebenin der Natur und für die produktive Ruhe ihres Schreibens und andererseits als Lebensbehinderung - beispielsweise in der Verhinderung ihrer Mutterschaft oder ihren Fürsorge- und Pflegepflichten, die zuletzt ihre rechtzeitige Flucht aus dem faschistischen Deutschland verunmöglichten. Die Qualität der Komposition der Bilder, Briefeund lyrischen Texte Kotmars durch Beatrice Eichmann-Leutenegger besteht darin, dasssie keine monokausalen Erklärungen der Lebensverhältnisse oder Schuldzuweisungen nahelegt, sondern Fragen provoziert. Das lockere Arrangement des Materials lässt dortLücken stehen, wo die Zeugnisse schweigen. Es ist deshalb die dem geheimnisvollen und zurückgezogenen Leben Kotmars einzig angemessene Form einer Biographie. Diese ist jedoch mehr als eine Quellensammlung im wissenschaftlichen Sinne, da sienicht nur dokumentiert, sondern Lebensmöglichkeiten aufzeigt. So wird beispielsweise erkennbar, dass Kotmars Palästina-Emigrationspläne in ihrer Ausbildung in der .. Haus und landwirtschaftlichen Frauenschule Arvedshof' ganz handfeste Ursprünge hatten und für sie mehr als eine Utopie, nämlich eine Ueberlebenschance hätten bedeuten können.

Beatrice Eichmann-Leutenegger ist es somit gelungen, zu Gertrud Kotmars 50. Todestagmehr als ein Gedenkbuch vorzulegen, sie r;ibt Einsichten in ein jüdischesFrauenleben und setzt ein Signal, das zur Rezeptton dieses Werks herausfordert.Insofern könnte diese Bild-Biographie 1994, zum 100. Geburtstag Gertrud Kalmars, zuihrer Wiedergeburt im Sinne einer Neuentdeckung ihrer Lyrik durch neue Leser undLeserinnen Anlass geben.