Otto Marchi

Aus Mangel lernt der Mensch reden. Wäre unser Leben lauter Glück, hätten wir keine Sprache. Und wäre die Liebe nichts als Seligkeit, hätten wir keine Literatur. Denn in unseren Geschichten versuchen wir festzuhalten, was uns unablässig abhanden kommt.

Der Held aus Otto Marehis Roman "Landolts Rezept" leidet unter beidem: Im Leben hat er die beglückende Zuversicht desjenigen verloren, der sieh politischen Utopien hingibt. Und in der Liebe geben ihn die Frauen gleich reihenweise auf. Das ist ein Glück, weniger für ihn als für uns: Aus Mangel und Verlust nämlich entstehen seine Geschichten. Otto Marchi erzählt sie uns in verschiedensten Tonarten, zieht viele Register und wagt auch in formaler Hinsicht allerhand. Und vieles gelingt ihm!

Mit Ketzern hat Otto Marchi zu Beginn seiner Laufbahn Erfolg gehabt: mit all jenen, die seine eigensinnige Sicht unserer Schweizer Geschichte willig und schadenfroh geteilt haben. Auf Ketzer setzt Marchi auch diesmal, wenngleich er es- der Zeit gernäss -in seinem Roman mit einer Ketzerin hat. Die nämlich lehrt den müden Helden Landolt, dass es kein Rezeptgibt gegen die Vergänglichkeit der Liebe und des Lebens. Einmal mehr wird nichts aus dem faustisch-männlichen "Verweile doch ... "; denn eine Frau weiss es - einmal mehr - besser.

Landolt aber ist trotz allem ein Glückspilz: denn nicht aus eigenem, sondern aus fremdem Mangel und Verlust kommt er zu seinen Geschichten. Es ist der Verlust seines Schöpfers Otto Marchi, der gelernt hat, ohne Illusionen von einst zu leben. Zum Glück für uns, die ihm dafür Dank wissen. Denn als Erzähler überlässt er uns - wenigstens auf eine Buchlänge - dem schönen Schein, dass verlorene Liebe und vergangenes Leben in Geschichten aufzuheben seien.